Interview | Architektur kann heilen | Bloching+Hummel
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Interview

Dr. Jan Esche im Gespräch mit Robert Bloching und Michael Hummel

Die Süddeutsche Zeitung sprach einmal vom „Planen für die Psyche“. Stress oder Wohlgefühl: Räume würden sich stark auf das Befinden auswirken. Kann Architektur heilen, Stress reduzieren?

Michael Hummel: Ein Entwurfsprofessor lehrte uns im Innenarchitekturstudium die Prinzipien der drei „Z“ – Zonierung, Zuschnitt, Zuordnung. Bei ausreichender Beachtung lassen sich hierdurch funktionierende Raumfolgen mit gut proportionierten Räumen entwerfen. Werden zudem Material, Farbe und Licht entsprechend sorgfältig und gezielt eingesetzt, entstehen Räume, in denen wir Menschen uns gerne aufhalten und uns wohl fühlen.

Robert Bloching: Ich erinnere mich an ein Projekt, ein Umbau eines Wohnbereichs für Demente, welches wir in Kooperation mit Herrn Prof. Schricker von der FH Coburg für das BRK Seniorenwohnen in Pasing Westkreuz realisierten. Die Studenten der Fachhochschule entwickelten viele Ideen, wie das Wohnen für Demente in einem Seniorenheim besser gestaltet werden könnte. Auf die typischen Symptome, wie Unruhe, Orientierungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Bewegungsdrang etc., wurde durch entsprechende architektonische und gestalterische Mittel eingegangen. Es wurde zum Beispiel eine große Mitte als Aufenthaltsbereich mit unterschiedlichen Zonen für Ruhe und Aktivitäten umgesetzt. So gibt es eine Therapieküche und einen Wohnbereich mit biografischer Ausstattung, einen Rundgang, Kräutergarten im beschützenden Garten und besondere Lichtkonzepte. Der Betreiber bestätigt, dass die neue Umgebung sehr positiv auf die BewohnerInnen wirkt, und somit auch die Zufriedenheit bei Personal und Angehörigen enorm gestiegen ist.

Architektur und Design sind also integrale Bestandteile von Heilung und Genesung. Kann ein richtig konzipiertes Krankenhaus die Patienten gesünder machen?

Michael Hummel: Als wir im Rotkreuzklinikum einen neuen Herzkatheter planten, war es dem Chefarzt der Inneren Medizin I, PD Dr. med. Christian von Bary, wichtig, dass trotz bzw. gerade wegen der hohen funktionellen und medizinischen Anforderungen ein möglichst klinikfernes Ambiente geschaffen wird. Erreicht wurde dies durch einen gezielten, für einen medizinischen Bereich eher ungewöhnlichen Mix aus Material, Licht und Farbe. Besonders wichtig sind hierbei die nach Lichtfarben variierbaren Lichtdecken im Vorbereitungs- und Behandlungsraum. Die im Herzkatheter durchzuführenden Behandlungen sind oft lang andauernd und für den Patienten belastend. Die programmierten Farbszenarien der Lichtdecke wirken nachweislich beruhigend auf die Patienten, und wie uns Dr. von Bary versicherte, lassen sich die Behandlungen hierdurch leichter und sicherer durchführen.

Robert Bloching: Im zuvor genannten Beispiel, dem Wohnbereich für Demente, haben wir besondere Lichtkonzepte eingebaut. Es handelt sich hierbei u.a. um eine Lichtdecke in den Aufenthalts- und Flurbereichen mit Tageslichtsimulation, die je nach Tageszeit die Lichtfarbe anpasst. Nach Informationen des Betreibers hilft das Lichtsystem den BewohnerInnen eine Tag- Nachtstruktur besser aufrechtzuerhalten. Insgesamt sei die Medikamentenvergabe nach dem Umbau sogar stark gesunken.

Das Krankenhaus der Zukunft als moderner Dienstleister, der Patient als Kunde. Lebensqualität und Wohlbefinden für Patienten, Personal und Besucher, wie lässt sich das erreichen?

Michael Hummel: Eine Klinik ist ein multifunktionaler Ort mit vielfältigen Bedürfnissen. Ich denke es ist essentiell, die unterschiedlichen Prozesse und Funktionen einer Klinik im Detail zu kennen bzw. zu erörtern. Hier müssen wir als Architekten in den Dialog treten, die richtigen Fragen stellen und unsere Erfahrungen einbringen. Auf diese Weise gelingt es, die baulichen Strukturen richtig zu planen und adäquate Umgebungen für die Nutzer zu schaffen.

Robert Bloching: Ein Patient benötigt Orientierung, eine beruhigende Umgebung und Rückzugsorte. Für das Personal stehen neben einer modernen Raumumgebung funktionelle Abläufe im Vordergrund. Die Hochleistungsmedizin ist das Herzstück einer Klinik, sollte aber, um dem Patient und Besucher zu nehmen, möglichst unsichtbar sein. Farbe, Beleuchtung und Materialien, wie wir sie eher aus dem Hotelbereich kennen, können helfen, das Wohlbefinden zu stärken.

Neubau, Umbau, Erweiterungsbau – der Einsatz von Licht und Farben, Nachhaltigkeit in der Materialwahl sowie die Flexibilität der Räume gelten als wegweisend in der aktuellen Krankenhausarchitektur…

Michael Hummel: Kliniken unterliegen einem ständigen Wandel von ökonomischen, personellen, medizinischen und strukturellen Rahmenbedingungen. Hieraus ergeben sich zumeist neue Anforderungen an Raumstrukturen und Nutzungen. Die Flexibilität der Räume ist also in der Tat ein großes Thema. Mit dem Einsatz geeigneter statischer Systeme, Leichtbauwänden, intelligenten Technik- und Brandschutzkonzepten sowie überlegter Zonierung von Kernen (Aufzüge/Sanitäranlagen/Technikräume) wird ein gewisser Grad an Flexibilität erreicht. Die Berücksichtigung von Vorhalteflächen für mögliche Erweiterungen, Aufstockungs- und Verdichtungsmöglichkeiten sind ebenfalls Bestandteil einer nachhaltigen Planung.

Robert Bloching: Gestern eine physikalische Therapie, heute ein Herzkatheterlabor oder eine Entbindungsstation. Nachdem noch vor 20 Jahren die Kliniken mit großzügigen Physikalischen Bereichen mit Bewegungsbädern und Fangoanlagen ausgestattet wurden, werden diese Abteilungen heute aus strukturellen Gründen verkleinert. Im Perinatalzentrum des Campus Großhadern der LMU München haben wir beispielsweise die Physikalische Therapie neu geordnet, um im Erdgeschoss eine Entbindungsabteilung mit 1200 m² Fläche unterzubringen.

Die kostensparende Prozessplanung beim Krankenhausbau steht an oberster Stelle – und dies sowohl im Bauen als auch im Betreiben. Wie damit umgehen? Wie trotzdem oder gerade deswegen den Servicegedanken im Gesundheitswesen architektonisch im Blick behalten?

Michael Hummel: Ich bin fast seit meiner gesamten beruflichen Laufbahn mit der Planung von Bauten im Sozial- und Gesundheitswesen beschäftigt. Eine Planungsaufgabe ohne Kostendruck konnte ich „leider“ noch nicht erleben. Das Gebot von Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit wird ja bereits von den Förderbehörden vorgegeben. Dies bedeutet aber nicht, dass nicht funktional und nachhaltig gebaut werden kann. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen müssen halt sinnvoll und zielführend eingesetzt werden. Hier ist Kreativität und Innovationsfreude gefragt, also originäre Eigenschaften unseres Berufstandes.

Robert Bloching: Kostendruck sind wir, wie Herr Hummel schon sagt, gewohnt, und wir haben bestens gelernt, damit umzugehen. Uns ist es sehr wichtig, dass wir in allen Projektphasen den Überblick behalten und die Kostenentwicklungen verfolgen. So können wir bei Änderungen auch schnell reagieren und dem Bauherrn frühzeitig mitteilen, falls etwas aus dem Ruder laufen sollte. Die verschiedenen Anforderungen eines Klinikbetriebes – u.a. Medizin, Patient, Pflege, Technik und Management – fordern unsere Fähigkeit zum Interessenausgleich im Sinne des Ganzen. Als federführender Planer sind wir dem Bauherrn verpflichtet zwischen „Wunschkonzert“ und „hartem Sparkurs“ zu moderieren.

Wie sieht die Implementierung von Nutzerbelangen in den Planungsprozess aus?

Michael Hummel: Nur wenn wir die Prozesse und Abläufe der jeweiligen Bereiche genauestens kennen, können wir die Räume richtig verorten. Ein Dialog mit dem Nutzer ist uns hierbei wichtig. Nutzerwünsche nehmen wir ernst und integrieren diese in der Entwurfsphase in den Planungsprozess. Jede Klinikleitung ist gut beraten, das Personal mitzunehmen und bei einem Planungsprozess, der ja auch immer Veränderungen für das Arbeitsumfeld mit sich bringt, partizipieren zu lassen.

Robert Bloching: Der Input der Nutzer ist für das Gelingen eines Projekts sehr wichtig. Meistens sind ihre Ideen sehr sinnvoll und hilfreich, allerdings haben sie natürlich nicht immer die Kosten im Blick. Hier sind wir dann die Vermittler zwischen Bauherrn und Nutzer, um eine machbare Lösung zu finden.

Die Rolle des Architekten. Wo sehen Sie die aktuellen Herausforderungen im Sozial- und Gesundheitsbau?

Michael Hummel: Architekten für Gesundheitsbauten müssen weit über ihre originären Aufgaben der Objektplanung Bescheid wissen. Wir benötigen Kenntnisse in allen Funktionen und Prozessen einer Klinik und beschäftigen uns auch mit den strategischen und ökonomischen Fragen einer Klinikleitung. Auf diese Weise kommen wir in einen fruchtbaren Dialog mit unseren Bauherrn, und können sie bereits in der frühen Projektentwicklungsphase beraten. Aufgrund unserer Tätigkeiten in vielen unterschiedlichen Häusern haben wir den Weitblick und können Betriebsblindheit vermeiden.

Robert Bloching: Wir wurden z.B. in einer Klinik nach der Verlegung und Erweiterung der Notaufnahme gefragt. Nach Analyse der Bestandssituation stellten wir fest, dass diese an der gewünschten Stelle nicht nachhaltig ist, und möglicherweise andere Entwicklungen behindern könnte. Auf unsere Empfehlung hin wurde das Projekt der Notaufnahme zurückgestellt, um zunächst eine grundlegende Unternehmerstrategie für die nächsten 10-20 Jahre zu entwickeln. Hierfür moderierten wir einen Workshop mit der Klinikleitung und stießen einen Denkprozess an. In der nächsten Phase wird ein Masterplan für die baulichen Entwicklungen erstellt.